Blick auf ein Hybridkraftwerk
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Die Praktiker der Wasserstoffverwertung

Die Eiszeit hat die weite Landschaft der Uckermark geformt. Seen, Flüsse, Bäche, Hügel und viel Grün prägen die eher dünn besiedelte Region. Sechzig Prozent der Fläche steht unter Naturschutz.

Die Eiszeit hat die weite Landschaft der Uckermark geformt. Seen, Flüsse, Bäche, Hügel und viel Grün prägen die eher dünn besiedelte Region. Sechzig Prozent der Fläche steht unter Naturschutz. In dieser Idylle findet sich ein Vorzeigeprojekt der Energiewende, das „2011, als es entstand, visionär war, und auch in seiner Weiterentwicklung heute eine weltweite Führungsrolle einnimmt“, berichtet Simon Müller, Leiter Energiesysteme der europaweit tätigen ENERTRAG AG mit Hauptsitz in der Uckermark

Er spricht über das Wasserstoff-Hybridkraftwerk Prenzlau, das 2011 in Betrieb ging, und dem darauf aufbauend entstandenen Verbundkraftwerk Uckermark.

Das Verbundkraftwerk umfasst heute ein Gebiet von 40 x 40 Kilometern. Es bringt WindkraftWasserstoffPhotovoltaik und Biogas zusammen und schafft über 400 Megawatt erneuerbar gewonnener Energie – das ist vergleichbar mit dem Ertrag eines mittelgroßen Kohlekraftwerks. Ein eigenes Netz verbindet die verschiedenen Komponenten des Kraftwerks, eine Leitwarte überwacht und steuert sämtliche Erzeugungs- und Umspannanlagen sowie das Verteilnetz.

ENERTRAG stellt sich als Kraftwerksbetreiber breiter auf als andere Windenergieträger, man widmet sich auch der Versorgungssicherheit, bietet viele Dienstleistungen rund um die Energiewende an und geht zentrale Herausforderungen an.

So arbeitet das Unternehmen unter anderem mit Großbatterien daran die Anlage „schwarzstartfähig“ zu machen. Dies bedeutet, dass sie wieder gestartet werden kann, wenn das Stromnetz nach einem Komplettausfall brach liegt. Bei reinen Windparks ist das bisher nicht möglich, sie benötigen Strom, um nach einem Stillstand wieder den Betrieb aufzunehmen.

Klaus Henschke

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Klaus
Henschke
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Grafik Windgas aus dem ENERTRAG Hybridkraftwerk
Windgas aus dem ENERTRAG Hybridkraftwerk

Ein anderes Thema, welches die Spezialisten für erneuerbare Energien umtreibt, ist die Vermarktung des grünen Wasserstoffs, der produziert wird. Anders als beim grünen Strom, bei dem die Politik in der Regel die Abnahme zu einem festen Preis garantiert, ist dies beim Wasserstoff nicht geregelt und man muss hier eigenständig Kunden akquirieren.

Sven Pyka | technische Betriebsführung der Abteilung Biogas und Wasserstoff, nennt vier Vertriebswege, die man in den letzten Jahren nacheinander entwickelt hat:

„Wir nutzen Sektorenkopplung, also die ganzheitliche Betrachtung und Optimierung der Sektoren der Energiewirtschaft und der Industrie, hier mehrfach: für Mobilität, da wird der Wasserstoff per Lastwagen zu Tankstellen gebracht, für Wärme durch die direkte Einspeisung in das Erdgasnetz und für die Industrie bei der Abfüllung von Gasflaschen, die ganz unterschiedlich eingesetzt werden. Das Thema Versorgungssicherheit adressieren wir durch die Vermischung mit Biogas für die Rückverstromung.“

Heidekrautbahn mit neuen Windkraft- und Photovoltaikanlagen geplant

Durch den mehrjährigen Betrieb der Anlage konnten viele praktische Erfahrungen mit einem Verbundkraftwerk gewonnen werden. Nun werden diese eingesetzt, um vom Energievolumen her größere Projekte anzugehen.

Ein Beispiel ist die geplante „Heidekrautbahn“, für die ENERTRAG neue Windkraft- und Photovoltaikanlagen plant und einen Elektrolyseur, der um den Faktor 10 größer sein wird als der im Verbundkraftwerk Uckermark.

Bei der „Heidekrautbahn“ sollen zunächst sechs Züge mit regional erzeugtem grünem Wasserstoff angetrieben werden. Die Regionalbahn fährt – im Moment dieselgetrieben – in den Landkreisen Barnim und Oberhavel, nah an Berlin.

Rund 100 Mal mehr Energie als das Verbundkraftwerk Uckermark soll das geplante neue Windfeld und der Groß-Elektrolyseur am Bahnsdorfer Berg in der Lausitz liefern, bei dem ENERTRAG für die Windfelder, den Elektrolyseur, die Einspeisung und die Vermarktung zuständig ist.

Den Vertrieb plant ENERTRAG dort ähnlich wie in der Uckermark. Besonders am Herzen liegt Simon Müller das Thema öffentlicher Nahverkehr. Die „Clean Vehicles Directive“ der Europäischen Union fordert ein Viertel emissionsfreier Fahrzeuge ab August 2021.

Überlandbusse mit Wasserstoffantrieb

Für Überlandbusse kann dies mit Stand heute nur einen Wasserstoffantrieb bedeuten. Die Geschäftsmodelle dafür müssen aber erst noch entwickelt werden. So arbeitet man beispielsweise mit Anbietern von Öffentlichem Nahverkehr daran, dass diese emissionsfreie Busse gefördert bekommen, damit der Umstieg finanziell zu stemmen ist

Simon Müller betont:

„Die öffentliche Akzeptanz für Windenergieanlagen steigt durch die Sektorenkopplung, denn dann kann man lokalen Nutzen aufzeigen, zum Beispiel für den öffentlichen Nahverkehr."

Am Standort Brandenburg sieht Müller für die Energiewende besondere Chancen:

„Die Energieindustrie hat hier historische Wurzeln, es ist ein Flächenland, viele Unternehmen der Branche und viel Know-how ist hier, nun gilt es, den Weg der Transformation mutig zu beschreiten.“

Über ENERTRAG

Die europaweit tätige ENERTRAG AG mit Sitz im brandenburgischen Dauerthal erbringt mit 630 Mitarbeitenden Dienstleistungen rund um erneuerbare Energien. Sie ist Energieerzeuger mit einer jährlichen Produktion von 1,5 Milliarden Kilowattstunden im Bestand und überwacht zudem 1.120 Windenergieanlagen.